Kontinenz

Belastungsinkontinenz und Dranginkontinenz: Die Unterschiede

Woran Sie erkennen, ob Urin beim Husten oder bei plötzlichem Harndrang verloren geht, welche Ursachen dahinterstehen und welche Behandlungen jeweils helfen.

Ungewollter Urinverlust betrifft viele Menschen, Frauen häufiger als Männer, und mit dem Alter zunehmend. Er ist aber keine einheitliche Erkrankung. Die beiden häufigsten Formen, die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz, haben unterschiedliche Ursachen und werden unterschiedlich behandelt. Diese Seite erklärt, woran Sie die Formen erkennen und welche Wege es gibt. Einen Gesamtüberblick über Blase und Darm finden Sie auf der Seite Kontinenz.

Belastungsinkontinenz

Bei der Belastungsinkontinenz geht Urin verloren, wenn der Druck im Bauchraum plötzlich steigt: beim Husten, Niesen, Lachen, Springen, Treppensteigen oder Heben. Ein Harndrang geht dem nicht voraus. Die Ursache liegt im Verschlussmechanismus der Blase. Beckenboden und Schließmuskel halten dem Druck nicht ausreichend stand.

Häufige Ursachen sind bei Frauen Schwangerschaften, Geburten und die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren, bei Männern vor allem Operationen an der Prostata. Übergewicht, chronischer Husten etwa bei einer Lungenerkrankung und schweres Heben verstärken die Beschwerden.

Dranginkontinenz

Bei der Dranginkontinenz kündigt sich der Urinverlust durch einen plötzlichen, kaum beherrschbaren Harndrang an. Oft reicht die Zeit nicht, um die Toilette zu erreichen. Typisch sind häufige Toilettengänge am Tag und in der Nacht. Fachleute sprechen von einer überaktiven Blase. Der Blasenmuskel zieht sich zusammen, obwohl die Blase noch nicht voll ist.

Mögliche Ursachen sind Reizungen der Blase etwa durch Harnwegsinfekte, Blasensteine, eine vergrößerte Prostata, Nervenerkrankungen wie Parkinson oder Folgen eines Schlaganfalls und manchmal keine erkennbare Ursache. Auch Kaffee, Alkohol und bestimmte Medikamente können den Harndrang verstärken.

Die Unterschiede auf einen Blick

Merkmal Belastungsinkontinenz Dranginkontinenz
Auslöser Husten, Niesen, Heben, Sport Plötzlicher, starker Harndrang
Vorwarnung Keine Harndrang kurz vorher
Urinmenge Meist kleine Mengen Oft größere Mengen
Nächtliche Toilettengänge Selten vermehrt Häufig vermehrt
Ursache Schwacher Verschluss Überaktiver Blasenmuskel

Viele Menschen haben beide Formen gleichzeitig. Dann spricht man von Mischinkontinenz. Seltener sind andere Formen, etwa die Überlaufinkontinenz, bei der die Blase sich nicht richtig entleert und ständig Urin nachtröpfelt.

Wie die Form festgestellt wird

Die ärztliche Abklärung beginnt mit einem ausführlichen Gespräch. Hilfreich ist ein Miktionstagebuch über einige Tage. Dazu kommen meist eine Urinuntersuchung, eine körperliche Untersuchung, ein Ultraschall der Blase mit Messung des Restharns und bei Bedarf weitere Untersuchungen wie eine Blasendruckmessung.

Behandlung der Belastungsinkontinenz

  • Beckenbodentraining: die wichtigste Maßnahme, am besten angeleitet. Mehr dazu im Beitrag Beckenbodentraining.
  • Gewichtsabnahme bei Übergewicht und Behandlung von chronischem Husten.
  • Hilfsmittel wie Pessare bei Frauen.
  • Hormonhaltige Cremes für die Scheide können bei Frauen nach den Wechseljahren unterstützen.
  • Operationen kommen infrage, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen, zum Beispiel spezielle Bänder oder Schlingen unter der Harnröhre.

Behandlung der Dranginkontinenz

  • Blasentraining: Die Abstände zwischen den Toilettengängen werden schrittweise verlängert, damit sich die Blase an größere Mengen gewöhnt.
  • Trinkverhalten: Trinkmenge gleichmäßig verteilen, Kaffee und Alkohol reduzieren.
  • Medikamente: Es gibt Mittel, die den Blasenmuskel beruhigen. Bei älteren Menschen und bei Herzerkrankungen wird die Auswahl besonders sorgfältig getroffen, weil manche Mittel Verwirrtheit, Mundtrockenheit, Verstopfung oder einen Anstieg von Puls oder Blutdruck verursachen können.
  • Weitere Verfahren: Bei unzureichender Wirkung kommen zum Beispiel Injektionen in den Blasenmuskel oder Nervenstimulationen infrage.

Inkontinenz und Herzschwäche

Wassertabletten erhöhen in den Stunden nach der Einnahme die Urinmenge und verstärken den Harndrang. Das kann eine bestehende Drang- oder Mischinkontinenz verschlimmern. Auch nächtliches Wasserlassen ist bei Herzschwäche häufig, weil Wasser aus den Beinen im Liegen zurückströmt. Sprechen Sie das an. Oft lässt sich der Einnahmezeitpunkt anpassen. Setzen Sie Wassertabletten aber nicht eigenmächtig ab. Mehr dazu im Beitrag Wassertabletten (Diuretika). Bis die Behandlung wirkt, helfen geeignete Produkte, mehr dazu im Beitrag Inkontinenzhilfsmittel.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Ist Inkontinenz im Alter normal?
Sie ist häufig, aber nicht einfach normal. In vielen Fällen lässt sie sich deutlich bessern oder sogar beheben. Es lohnt sich, die Beschwerden ärztlich abklären zu lassen, statt sie hinzunehmen. Scham ist verständlich, aber unbegründet: In urologischen und gynäkologischen Praxen gehört das Thema zum Alltag.
Hilft es, weniger zu trinken?
Meist nicht. Wer zu wenig trinkt, hat konzentrierten Urin, der die Blase reizen und den Harndrang verstärken kann. Hilfreich ist eher, die Trinkmenge gleichmäßig über den Tag zu verteilen und abends etwas weniger zu trinken. Bei Herzschwäche gilt die mit der Praxis vereinbarte Menge.
Was ist ein Miktionstagebuch?
Ein Miktionstagebuch ist ein Protokoll über einige Tage, in dem Sie Trinkmenge, Toilettengänge, Urinmenge, Harndrang und ungewollten Urinverlust festhalten. Es hilft der Praxis, die Form der Inkontinenz einzuordnen und die Behandlung zu planen.